Mastektomie (Brustamputation)

Mastektomie (Brustamputation)

Unter welchen Umständen ist eine Brustamputation oder eine prophylaktische Amputation der Gegenseite notwendig (prophylaktische Mastektomie, kontralaterale Mastektomie)?

Wenn der Tumorknoten sehr groß ist oder der Knoten im relativen Verhältnis zur Größe der Brust sehr groß ist, kann ggfs. kein Herausschneiden des Tumors mit ausreichendem Sicherheitsabstand gewährleistet werden. In solchen Fällen kann – entgegen der heute zumeist gebräuchlichen sogenannten neoadjuvanten Vorgehensweise (erst Chemotherapie, dann Operation) – doch eine primäre chirurgische Therapie oder auch eine vollständige Entfernung der betroffenen Brust indiziert sein.
Über das Vorgehen muss in einem solchen Fall ausführlich und intensiv aufgeklärt werden. Ebenso wünschen sich manche Betroffene auch die primäre chirurgische Entfernung nicht nur des Tumors sondern auch der Brust um den Krebs möglichst in Gänze so schnell wie möglich loswerden zu können.
Dieses psychologische Argument kann durchaus bedeutsam sein und zu einer Strategieänderung führen. Wichtig zu wissen ist es allerdings, dass die Heilung nur in sehr frühen Stadien durch die chirurgische Therapie alleinig erzielbar ist. Brustkrebs ist eine sogenannte Systemerkrankung. Mikroskopisch kleine Absiedlungen können in Form von Satelliten bzw. als sogenannte Mikrometastasen im Körper unterwegs sein und späterhin an anderen von der Brust entfernten Stellen weiteres bzw. erneutes Krebswachstum auslösen. Diesem Risiko kann und sollte nach heutigem Wissensstand nur durch systemisch wirksame Therapien wie zum Beispiel Chemotherapie, Antikörpertherapie oder eine antihormonelle Therapie vorgebeugt werden.

Eine zusätzliche spezielle Fragestellung stellt die prophylaktische Brustamputation insbesondere auch die prophylaktische Brustamputation der gesunden, gegenüberliegenden Brustseite dar.

Aktuelle Untersuchungen u. a. der Arbeitsgruppe um Dr. med. Natalie Herold, Zentrum Familiärer Brust- und Eierstockkrebs, Universitätsklinik Köln. Siehe u. a. Herold, N. et al Senologie 2018; 15(02)e20; Abstract 55. untersuchen den etwaigen Benefit in Bezug auf Metastasenfreiheit, Gesamtüberleben und Lebensqualität. Im Fokus steht hierbei insbesondere das familiäre BRCA 1 und BRAC 2-positive Mammakarzinom (siehe hierzu auch den Text Brustkrebs unserer Krebsklinik Veramed).

 

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Bei BRCA-Mutationsträgerinnen war nach prophylaktischer Mastektomie das Progredienzangstempfinden signifikant erniedrigt. Die Körperwahrnehmung war durch die prophylaktische Mastektomie jedoch gemäß u. a. Body Image Scale sowie EORTC QULQ-C30 negativ beeinflusst. In der Summe zeigte sich allerdings, dass die durch die prophylaktische Mastektomie eintretende Angstminderung im Sinne eines psychologischen Nutzens die ebenfalls infolge der prophylaktischen Mastektomie nachweisbaren Nachteile - schlechtere Lebensqualität z. B. durch OP-Komplikationen, Schmerzen, aber auch durch eine schlechteres Körperbild bis hin zu sozialen Auswirkungen wie z. B. veränderte Rollenfunktion mit beeinträchtigter sozialer Funktionalität bis hin zu Verschlechterungen der finanziellen Situation – überwiegt. Siehe auch Dr. med. Lauterbach, Lisa-Kathrin, Dissertation aus der Klinik für Gynäkologie mit Brustzentrum der Medizinischen Fakultät der Charité, Universitätsmedizin Berlin: Lebensqualität nach prophylaktischer Mastektomie bei nachgewiesener BRCA-Mutation im Vergleich zu einer nicht operierten Kontrollgruppe, 01.03.2019.

Die o. g. Arbeiten beziehen sich im Wesentlichen auf Patientinnen mit positiver BRCA-Mutation.

Unter anderem Alaofi et al gelangten in einer weitergefassten Untersuchung zu der Aussage, dass Frauen mit Brustkrebs ggfs. auch unabhängig vom Mutationsstatus von einer ipsilateralen (ursprünglich betroffene Brust) und kontralateralen (die andere vermeintlich gesunde Brustseite) Mastektomie profitieren, da das Brustkrebsrisiko durch die chirurgische Maßnahme effektiv reduziert werden kann. Die prophylaktische Mastektomie wird demzufolge als eine mit zunehmendem Wissen zu dieser Thematik in der Bedeutung wachsende, die Brustkrebshäufigkeit reduzierende Strategie bezeichnet. Insbesondere - wie oben ausgeführt – für Frauen mit genetischen Mutationen. Alaofi, R. K. et al: Prophylactic mastectomy for fhe prevention of breast cancer: Review oft he literature. Avicenna J. Med. 2018 Jul-Sep: 8(3): 67-77.

Ein Nutzen durch die kontralaterale Mastektomie ergibt sich allerdings in der Hauptsache hinsichtlich der Prävention des Auftretens von kontralateralem Brustkrebs (Risikoreduktion um 94%) nicht aber in Bezug auf eine Verlängerung des Gesamtüberlebens. Davies, K. R. et al: Better contralateral breast cancer risk estimation and alternative options to contralateal prophylactic mastectomy. Int. J. Womens Health 2015 Feb 4:7: 181-7 

You et al wiesen in ihrer Untersuchung von 1998 bis 2013 bei Patientinnen mit Ductalem Carcinoma in Situ dennoch auf eine wachsende Bereitschaft zur kontralateralen prophylaktischen Mastektomie insbesondere bei jüngeren, verheirateten, in urbanem Umfeld lebenden Frauen mit höherem Bildungsgrad nach. Hierbei zeigten sich statistisch die genannten sozialen Faktoren und nicht etwa die pathologischen Charakteristika des jeweiligen Krebsbefundes im Vordergrund. You, Q. et al: Factors associated with the increasing trend of contralateral prophylactic mastectomy among patients with ductal carcinoma in situ: Analysis of Surveillance, Epidemiology and End Results data. Breast. 2018 Aug:40:147-155.

Chowdhury et al, John Hopkins University and MD Anderson Cancer Center entwickelten 2018 ein Modell zur personalisierten Vorhersage des möglichen Nutzen einer kontralateralen Mastektomie. Chowdhury, M. et al: Validation of a personalized risk prediction model for contralateral breast cancer. Breast Cancer Res. Treat. 2018 Jul:170(2):415-423.

Das von 1995-2009 entwickelte Modell Contralateral Breast Cancer Risk (CBCRisk) bezieht die Daten von 77.746 Frauen ein, die im Alter von 18-88 Jahren an Brustkrebs erkrankten und soll als eine individualisierte Entscheidungshilfe dienen.
Einbezogen werden hierbei das Patientinnenalter bei der Mammakarzinomerstdiagnose, der etwaige Einsatz einer antiöstrogenen Therapie, die (Brust-)Krebsfamilienanamnese, das Vorhandensein von Krebsvorstufen, die Brustdichte, der Östrogen- und Progesteron-Status, der Brustkrebstyp und das Alter der Erkrankten bei der Geburt ihres ersten Kindes.

Vor allem Frauen im Alter unter 40, Frauen, bei denen keine antiöstrogene Therapie erfolgte/indiziert war, Frauen mit sehr dichtem Brustgewebe, Frauen mit Brustkrebserkrankungen in der Familie und Frauen mit DCIS hatten ein besonders hohes Risiko für die Entstehung eines kontralateralen Brustkrebses. Diese Gruppe von Frauen würde demnach von einer prophylaktischen kontralateralen Mastektomie wahrscheinlich – in Bezug auf eine Risikoreduktion bezüglich kontralateralem Krebsbefall aber wohl nicht bezüglich Gesamtüberleben - profitieren.

Nachfolgende Tabelle ist der oben zitierten Publikation von Chowdhury et al entnommen:

Examples of CBC risk prediction with 95% confidence interval in parenthesis using CBCRisk. The last two rows show examples of typical women in the BCSC data when unknown category is included (second to the last row) or excluded (last row).

Mastektomie

 

AFDX: Age at first diagnosis, AEST: Anti-estrogen therapy, FHIST: Family history of BC, HRPN: High-risk pre-neoplasia status, DENS: Breast density, ER: ER status, FTYP: First BC type, AFB: Age at first birth

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Dieser Artikel über die Mastektomie wurde verfasst von Dr. med. Martin Müller-Stahl, Ärztlicher Leiter der Veramed-Klinik, Facharzt für Innere- und Allgemeinmedizin, Naturheilverfahren 

 

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