Methadon in der Krebstherapie

D-L-Methadon als Therapieergänzung für Krebskranke - Stand 2018

Studie 2017 zur Verträglichkeit

Im März 2017 wurde eine Studie zur Verträglichkeit von D-L-Methadon veröffentlicht (Onken, J., Friesen, C., Vajkoczy, P., Misch, M.: Safety and Tolerance of D-L-Methadone in Combination with Chemotherapy in Patients with Glioma. Anticancer Research 2017, 37: 1227-1235) 27 Patientinnen und Patienten mit Hirntumoren oder Hirntumorrezidiven erhielten zusätzlich zur Chemotherapie- bzw. teilweise auch Antikörperbehandlung D-L-Methadon. Abhängig von der Verträglichkeit wurde die D-L-Methadon Dosierung einschleichend auf bis zu maximal 35 Milligramm täglich gesteigert. Die Autoren der Studie stellen fest, dass eine Verträglichkeit in Bezug auf das Auftreten von Herzrasen, Schwitzen oder Unruhe gegeben sei. Ergänzend wird allerdings darauf hingewiesen, dass die Gruppe der untersuchten Patientinnen und Patienten sehr uneinheitlich und von daher faktisch nicht wirklich für eine vergleichende Bewertung geeignet und die Zahl der untersuchten Fälle am Ende zu gering war (www.aerzteblatt.de, Mittwoch 24. Mai 2017).

Kritische Stimmen

Bereits am 23. August 2016 erschien eine kritische Stellungnahme der Medizinischen Fakultät der Universität Ulm. Verschiedene onkologischen Fachgesellschaften haben ab etwa Frühjahr/Mitte des Jahres 2017 in Veröffentlichungen zur Diskussion um die Wirksamkeit von D-L-Methadon gegen Krebs Stellung bezogen (zum Beispiel Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO), Methadon bei Krebspatienten: Zweifel an Wirksamkeit und Sicherheit).
Aufgrund der äußerst dürftigen wissenschaftlichen Datenlage wird zurecht eine gemäß anerkannter wissenschaftlicher Vorgehensweisen durchzuführende Überprüfung der antitumoralen Wirksamkeit des bislang nur als Schmerzmittel zugelassenen D-L-Methadons gefordert. Solche Studien müssten randomisiert (zufällige Zuteilung der Studienteilnehmerinnen und Teilnehmer in D-L-Methadon-Einnahme- und Kontrollgruppen) oder alternativ zumindest in Form sogenannter Fall-Kontroll Studien erfolgen. Da die genannten Vorgehensweisen selbstredend sehr zeitaufwendig sind, könnte ggfs. die Durchführung einer sogenannten Bestfall-Analyse anhand vorliegender Einzelfalldokumentationen erfolgen.
Fazit der DGHO-Stellungnahme: „Auf der Basis der bisher vorliegenden Daten zur Wirksamkeit und des möglichen Risikos einer erhöhten Sterblichkeit ist eine unkritische Off-Label-Anwendung von Methadon nicht gerechtfertigt.“
Der Hinweis auf der erhöhte Sterblichkeit im Fazit der DHGO-Stellungnahme geht unter anderem auf eine Arbeit zurück die bereits 2015 in den USA veröffentlicht wurde (Ray, W. A., Chung, K. T., Cooper, W. O. et al: Out-of-hospital mortality among patients receiving methadon for noncancer pain. JAMA Intern. Med. 2015, 175: 420-427).
In dieser Langzeituntersuchung wurden über 30.000 Patientinnen und Patienten die Morphin als Schmerzmittel bei Krebs erhielten mit etwa 6.000 Patientinnen und Patienten verglichen, die D-L-Methadon als Schmerzmittel erhielten. Die Schmerzen waren in der Untersuchung nicht direkt durch den Krebs bedingt. Das Risiko zu versterben, lag tatsächlich für die D-L-Methadon-Gruppe höher als für die Morphin-Gruppe. Bereits die Einnahme geringer D-L-Methadon Mengen erhöhte das Sterberisiko.

Der Medien-Hype um D-L-Methadon

Das Thema D-L-Methadon und Krebs wurde seitens der bundesdeutschen Medien in einer in diesem Umfang niemals dagewesenen Art und Weise aufbereitet. Die Berichterstattung im Fernsehen hat ihren Höhepunkt etwa im Sommer 2017 erreicht.
Allein die große Zahl der TV-Sendungen und Talkshows musste beim Publikum den Gedanken reifen lassen, dass es sich um ein brisantes Thema handeln würde.
Nicht nur hinsichtlich ihres Umfangs, sondern auch in der Art und Weise der getätigten wissenschaftlichen bzw. medizinischen Behauptungen und Gegendarstellungen musste bei den Zuschauern der Talkshows darüber hinaus der Eindruck entstehen, dass Erkenntnisse unterdrückt oder schlimmer noch, den Krebskranken wirksame Medikamente vorenthalten werden würden. Wiederholt wurde unter anderen das Schlagwort der sogenannten „Pharma-Lobby“ bemüht, welche aus wirtschaftlichem Eigennutz die Erforschung und den Einsatz von D-L-Methadon aktiv verhindern würde. Aus verschiedenen Gründen dürfte seitens der Industrie - bis zum heutigen Zeitpunkt nachvollziehbar - tatsächlich kein oder ein allenfalls geringes Interesse an D-L-Methadon bestehen.

Zu bedenken ist natürlich, dass gerade im Zusammenhang mit der Krebstherapie mehr oder weniger beständig neue - zum Teil leider auch sehr zweifelhafte - Therapieansätze entwickelt werden. Oft werden diese von ihren Entwicklern oder Verkäufern hochgepriesen und mit Vorschusslorbeeren bedacht.
Immerhin kann im Zusammenhang mit D-L-Methadon niemand behaupten, dass sich Hersteller oder Verkäufer trotz ausstehender Wirksamkeitsnachweise bereichern wollen. Die Therapiekosten für eine mehrwöchige ergänzende Therapie für Krebskranke belaufen sich auf lediglich wenige Euro.

Faktisch ist – vor allem in den Fernsehberichten - aber eine Vermengung von Behauptungen, Interessenlagen und Fakten entstanden, die bei den Kranken und ihren Angehörigen eine enorme Verunsicherung erzeugt hat. Eine solche Verunsicherung sucht in der Geschichte der sogenannten alternativen Krebsmittel ihres gleichen. Hohe Einschaltquoten und Auflagezahlen wurden mit der wiederholten Darbietung und Aufbereitung von Diskussionen erzielt, denen am Ende zu diesem Zeitpunkt die wissenschaftliche Basis fehlte. Viele sprachen und sprechen vom Methadon-Hype.

Auswirkungen des Medien-Hypes

Zahlreiche onkologische Einrichtungen wurden von Anfragen zum Thema D-L-Methadon geradezu überflutet. Vielfach war bei den Kranken die Auffassung gereift, dass eine erfolgreiche Behandlung ihrer Krebserkrankung ohne D-L-Methadon geradezu unmöglich sei. D-L-Methadon wurde buchstäblich als letzte und allein rettende Behandlungsoption betrachtet, die es um jeden Preis einzusetzen gelte.
Die massive Verunsicherung hat sich fraglos sogar auf zahlreiche Ärztinnen und Ärzte übertragen. Die in den TV-Sendungen vermittelte Meinungsbildung und der hohe hieraus resultierende Druck, den die Patientinnen und Patienten anschließend auf ihre Ärztinnen und Ärzte übertrugen, führte dazu, dass sogar Krebsspezialisten dazu neigten, das Thema in seiner Bedeutung aufzuwerten. Wenngleich die Daten- bzw. Faktenlage weiterhin rar ist.
Hinzu traten – wie so oft üblich - als Folge der Vermengung von Inhalts- und Beziehungsaspekten persönliche Anfeindungen gegenüber Anwendern oder Ablehnenden hinzu.

Belastungsprobe für das Arzt-Patienten-Verhältnis

Die meisten Patientinnen und Patientin erfuhren auf ihre Anfragen bezüglich eines Therapieversuches mit D-L-Methadon bei den behandelnden Ärztinnen und Ärzten eine nicht selten schroffe Ablehnung. Auch dieses ist bei Zuordnung der Fakten und Ereignisse letztlich gut nachvollziehbar. Warum sollen sich hochqualifizierte, bezüglich ihres Wissensstandes definitiv auf der Höhe ihrer Zeit befindliche Ärztinnen und Ärzte von Patientinnen ansagen lassen, welche Therapiekonzepte richtig oder falsch sind, zumal wenn als Informationsquelle TV-Talkshows angeführt werden? Wenn die Therapiestrategie– wie im Fall D-L-Methadon gewiss oft geschehen – seitens der Kranken dann auch noch als einzig lebensrettend mit aller höchster Prioritätsstufe vorgetragen wird, löst am Ende allein die Nachfrage Unwillen aus. Erst recht, wenn die wissenschaftliche Datenlage tatsächlich wesentliche Fakten vermissen lässt, verlieren selbst empathische Ärztinnen und Ärzte irgendwann die Geduld.
Dieser Umstand wiederum hat die bezüglich der Nützlichkeit von D-L-Methadon Anfragenden nicht selten in die Hände von Therapeutinnen und Therapeuten geführt, die in der Materie eigentlich nicht zu Hause sind.
Einige Ärztinnen und Ärzte erklärten sich mehr oder weniger spontan und willig zu D-L-Methadon-Experten. Hierdurch wiederum kamen teilweise skuril zu nennende Dosierungsempfehlungen, Rezepturen und am Ende äußerst grenzwertige Therapieansätze zum Schaden der Hilfesuchenden zu Stande.

Erfahrungen mit D-L-Methadon an unserer Klinik

Wie sind die Erfahrungen im Einsatz von D-L-Methadon in Ergänzung zu den leitliniengerechten Chemo- und Antikörpertherapien in der Veramed-Klinik?
Zunächst haben wir uns von Beginn der Diskussion an um Neutralität bemüht. Der eindeutig minimalen wissenschaftlichen Datenlage – im Wesentlichen Erkenntnisse aus Reagenzglasversuchen und anekdotischen Behauptungen einzelner Ärztinnen und Ärzte – steht und stand eine unvergleichlich stark ausgeprägte Hoffnung gegenüber, die bei den Kranken und ihren Angehörigen aufgrund der Darstellungen in den Medien entstanden ist.
Auch nach hier erfolgter wiederholter und ausführlicher kritischer Beratung und Aufklärung bestanden die Betroffenen wiederholt auf dem Einsatz von D-L-Methadon oder kamen bereits mit laufenden Einnahmekonzepten in unsere Behandlung.
Das Bibelwort vom Glauben der Berge versetzen kann, kreuzt sich einmal mehr mit Konzepten moderner Wissenschaft. Der in diesem Fall medial gesäte und zur Reifung gebrachte Glaube hat tatsächlich bei vielen Kranken enorme Überzeugungskräfte entfacht. Diese Überzeugungen zu enttäuschen obliegt den wissenschaftlich ausgebildeten und gemäß Leitlinienvorgaben handelnden Ärztinnen und Ärzten, fällt aber dennoch den einfühlsamen und verständigen Therapeutinnen und Therapeuten, für die sich die Arzt-Patient-Beziehung immer zuerst auf der zwischenmenschlichen Ebene abspielt, nicht immer leicht.
Wir haben uns um eine lückenlose Dokumentation der sogenannten Off-label-Use Einnahme von D-L-Methadon im ergänzenden Einsatz, zusätzlich zu den sogenannten Standard- und Leitlinienstrategien bemüht.
Die dokumentierten Fälle zeigen, dass mindestens ein Drittel der Patientinnen und Patienten, die D-L-Methadon einnehmen, unter teilweise sogar erhebliche Therapienebenwirkungen leidet. D-L-Methadon wurde in den 80er und 90er Jahre in der Schmerztherapie durch nebenwirkungsärmere und besser wirksame Medikamente ersetzt und spielt heute in der Schmerztherapie eine nur mehr untergeordnete Rolle. Vor allem starke Übelkeit aber auch massive psychische Therapienebenwirkungen sind abhängig von der Dosis zu nennen. Unter starken Therapienebenwirkungen litten vor allem diejenigen, die vor oder im Einnahmezeitraum nicht unter tumorabhängigen Schmerzen bzw. nicht unter Schmerzen litten. Mehr als ein Drittel der Patientinnen und Patienten müssen nach unserer Beobachtung D-L-Methadon bereits in der Phase der einschleichenden Dosierung abbrechen.
Die Patientinnen und Patienten die unter Schmerzen leiden bzw. tumorabhängige Schmerzen haben, tolerieren D-L-Methadon unserer Erfahrung nach grundsätzlich besser, wobei es vielfach unserer Einschätzung nach meist bessere Schmerzmittel gäbe.
Aus Sicht der Beteiligten augenscheinlich bessere bzw. außerhalb der Erwartung liegende überraschend gute Therapieverläufe haben sich bezüglich der Krebserkrankung im beobachteten Zeitraum nicht ergeben.

Die genannten Aussagen betreffen wie oben angeführt, Patientinnen und Patienten, die von sich aus nach sehr kritischer Aufklärung und Beratung auf der Einnahme von D-L-Methadon bestanden und von uns lediglich im Sinne von Einzelfallkontrolle bzw. Beobachtung gesondert dokumentiert wurden. Die Aussagen sind am Ende anekdotisch bzw. halten wissenschaftlichen Anforderungen (siehe oben) keinesfalls stand. Sie resultieren aber immerhin aus einem Beobachtungszeitraum von über 2 Jahren mit einer beträchtlichen Anzahl von Patientinnen und Patienten (Details auf Nachfrage).
Da uns auch weiterhin zahlreiche Anfragen zum Thema D-L-Methadon erreichen, sind wir dennoch der Auffassung, dass unsere Erfahrungen an dieser Stelle genannt sein dürfen. Auch wenn wir damit letztlich weitere wissenschaftlich nicht abgesicherte Aussagen in die Diskussion eingeben, erhalten unsere Erfahrungen allein durch den gewonnenen nachdrücklichen Hinweis auf die Risiken der D-L-Methadon-Einnahme ihre Rechtfertigung (teilweise starke Übelkeit, psychische Missempfindungen, höheres Sterberisiko).

Unsere Stellungnahme zum Thema Methadon in der Krebstherapie

Die Einnahme von D-L-Methadon als Krebsmedikament entbehrt zunächst weiterhin einer klinisch-wissenschaftlichen Grundlage und wird seitens der onkologischen Fachgesellschaften, unter anderem auch mit dem Hinweis auf bestehende Risiken, nicht empfohlen. Die Einnahme darf allenfalls nach umfassender und ausführlicher Beratung und Aufklärung sowie ausschließlich unter qualifizierter ärztlicher Begleitung und auf gar keinen Fall in Eigenregie erfolgen. Vielleicht gibt es spezielle Indikationen oder Therapiesituationen, in denen ein Benefit erzielbar ist. Das Herausarbeiten ggfs. geeigneter Tumore, Stadien und auch entsprechende Dosierungen und auch etwaige Vorgaben zur Einnahmedauer und vieles mehr sind aber zumindest weiterer Grundlagenforschung vorbehalten.
Die Einnahme von D-L-Methadon ist keinesfalls für alle Krebskranken geeignet.
Vielmehr sind – dieses sei nochmals aus unserer Erfahrung betont - teilweise erhebliche Therapienebenwirkungen des D-L-Methadons zu beachten. Diese Therapienebenwirkungen machen in den meisten Fällen den Einsatz weiterer Medikamente, zum Beispiel die Verabreichung des hochpotenten Neuroleptikums Haloperidol erforderlich. Hierdurch können in der Summe erhebliche Beeinträchtigungen der Lebensqualität und damit wiederum auch Beeinträchtigungen in der Verträglichkeit der Chemotherapie oder anderer wichtiger Medikamente auftreten.
Eine Therapie mit D-L-Methadon kann auch weiterhin in palliativen Therapiesituationen ausschließlich auf ausdrücklichen Wunsch der Patientinnen und Patienten und nur nach ausführlicher und eingehender mehrfacher Aufklärung bezüglich des sogenannten Off-label-Use erfolgen (Verwendung außerhalb der behördlichen Zulassung) und sollte vor allem auch in Hinblick auf mögliche Therapienebenwirkungen erfahrenen Spezialisten vorbehalten sein, welche die Grenzen und Möglichkeiten zu überblicken befähigt sind.

Weitere Ausgewählte Arbeiten von Frau Dr. rer. nat. Claudia Friesen:

Methadone, commonly used as Maintenance Medication for Outpatient Treatment of Opioid Dependance, kills Leukemia cells and overcomes chemoresistance. Cancer Research 2008, 68, 6059-6064 Cell death sensitization of leukemia cells by opioid receptor activation. Oncotarget 2013, 4, 656-690 Opioidrezeptoraktivierung verstärkt Effektivität von Chemotherapeutika. Ärztliches Journal Onkologie 2013, 4, 26-27 Opioid receptor activation triggering downregulation of cAMP improves effectiveness of anti-cancer drugs in treatment of glioblastoma. Cell Cycle 2014, 13(10), 1560-1570

 

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